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2026-03-15 10:54:38 +01:00

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Es gibt zwei Standards, wie viele Menschen reagieren, wenn sie zum ersten Mal von meiner Art, Beziehung zu definieren und zu leben, hören:

  1. „Oh, wie spannend, das wäre ja auch was für mich! (…) Aber nein, ich könnte das nicht“. Ich beobachte im Gegenüber dabei stets die Kette der Gedanken, die fast unweigerlich bei der eigenen Eifersucht und dann sofort auch mit Ablehnung endet.
  2. „Du machst es Dir aber leicht! Schön ungebunden und ohne Verantwortung, das ist nicht gerade sehr reif, Du bist doch keine 16 mehr!“

Die #Polyamorie offenbart eine spannende gesellschaftliche Ironie: Die vermeintliche Leichtigkeit, mit der man sich angeblich von „echten“ Bindungen löst, ist tatsächlich ein Weg voller tiefer Selbstreflexion, Zweifel, schwerer emotionaler Arbeit und dem sehr bewussten Navigieren durch die Komplexität menschlicher Beziehungen. Dieser Prozess ist weit entfernt von der Unbeschwertheit, die Außenstehende oft annehmen. Die Konfrontation mit diesen Erwartungen erfordert ein ständiges Hinterfragen und Reflektieren der eigenen Werte und Überzeugungen. Es ist ein Prozess, der dazu zwingt, sich mit den Prämissen der Monogamie und dem sozialen Konstrukt Names „Liebe“ auseinanderzusetzen.

Vielfalt

Einerseits begann diese Beziehung als bewusste Entscheidung mit dem Wunsch, diesen sehr besonderen Menschen kennenzulernen und lieben zu können, auch wenn der Anstand das eigentlich verbietet. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder, ich kenne und schätze ihren Mann sehr, ich kenne ihn sogar länger als sie. Andererseits schien mir der Versuch, Liebe und Beziehung auf eine andere Art zu leben, ganz offenkundig einfach auch die Fortschreibung meiner persönlichen Entwicklung hin zu einem vollständigeren, wahrhaftigeren Menschen zu sein. Mir war sehr klar, dass mich emotionale Herausforderungen und die Bedingung der Möglichkeit persönlichen Wachstums erwartet. Was ich jedoch nicht ahnte, waren die tiefgreifenden emotionalen Erschütterungen, die aus meinem Liebes(er)leben hervorgehen würden.

Dieses Wagnis, in eine polyamore Beziehung (und somit in eine Familie) hineinzuwachsen, verlangte zu Beginn primär das Verstehen und die Akzeptanz, dass Liebe nicht limitiert oder besitzergreifend sein muss. Nicht meine Liebe, und nicht die Liebe im Allgemeinen. Liebe ist nicht begrenzt oder eindimensional oder verlangt zwingend und zu jedem Zeitpunkt #Reziprozität. Wahrlich: Liebe wird wirklich nicht weniger, wenn man sie teilt. Diese Erkenntnis kam nicht plötzlich, sondern entwickelte sich im Verlauf von mehreren Wochen aus Gesprächen, aus der Lektüre von Unmengen an Büchern und Artikeln, aus der daraus angestoßenen Selbstreflexion und natürlich dem grundlegenden Bedürfnis, über die gesellschaftlichen Beziehungsnormen hinauszudenken: wie kann ich, wie können wir es ermöglichen, dass diese Liebe sein darf und gedeihen kann?

Eifersucht: im Kampf gegen die Normen

Eifersucht ist wahrscheinlich das häufigste Thema in Gesprächen über nicht-monogame Beziehungen. Ja, natürlich erlebe ich Eifersucht sie zu leugnen wäre mir selbst gegenüber unaufrichtig und blockierend. Doch was ich auch gelernt habe, ist, dass Eifersucht nicht etwa nur aus dem Verhalten des Partners und aus den eigenen Unsicherheiten und Ängsten entspringt, sondern dass sie in einem Ausmaß sozial konstruiert ist, welches mir nicht klar war. Gefühle sind schließlich Gefühle, etwas ganz „natürliches“ sozusagen. Doch weit gefehlt.

Die gesellschaftliche Konstruktion von Eifersucht wird besonders deutlich, wenn wir bedenken, wie kontingent und unterschiedlich Beziehungen kulturell geformt sein können. In unserer Gesellschaft wird Monogamie (zwischen Mann und Frau natürlich) als die einzig „richtige“ Form der Liebesbeziehung betrachtet, was die Vorstellung beinhaltet, dass jegliche Abweichung von diesem Modell nicht nur ungewöhnlich, sondern auch bedrohlich ist. Diese Sichtweise wird durch Medien, Literatur und Bildung ständig aktualisiert und schafft ein Umfeld, in dem Eifersucht als natürliche Verteidigungsreaktion gegenüber jeglicher wahrgenommenen „Bedrohung“ der Beziehung interpretiert wird. So wird die Furcht vor Verlust und Verrat normalisiert, während gleichzeitig die Möglichkeit, Beziehungen auf der Basis von Vertrauen, Offenheit und gegenseitiger Wertschätzung zu führen, untergraben wird.

Eifersucht wird durch den sozialen Kontext verstärkt, der Wettbewerb und Besitzdenken auch in zwischenmenschlichen Beziehungen fördert. Dieser kapitalistische Kontext suggeriert, dass Liebe ein knappes Gut ist, um das man konkurrieren muss, und dass der „Besitz“ eines Partners eine der raren Quellen von Sicherheit in prekären Zeiten darstellt. Diese Perspektive verstärkt die Angst vor dem Verlust dieses „Besitzes“ und fördert eine Kultur der Eifersucht, in der individuelles Glück und Selbstwert eng mit der Exklusivität einer Beziehung verknüpft werden. Die soziale Konstruktion von Eifersucht dient somit nicht nur der Aufrechterhaltung bestehender Machtstrukturen innerhalb und außerhalb von Beziehungen, sondern auch der Verstärkung von Unsicherheiten, die tiefer liegen als die Oberfläche der romantischen Bindung.

Die Herausforderung besteht darin, diese tief verwurzelten gesellschaftlichen Skripte zu erkennen und zu hinterfragen. Indem wir uns bewusst machen, dass Eifersucht nicht nur eine persönliche, sondern auch eine sozial konstruierte Emotion ist, eröffnen wir uns die Möglichkeit, unsere Beziehungen auf einer gesünderen, bewussteren Ebene zu gestalten. Dies erfordert eine Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und den gesellschaftlichen Normen, die diese prägen, sowie den Mut, neue Wege des Verständnisses und der Liebe zu erkunden, die jenseits der Grenzen von Besitz und Exklusivität liegen.

Autonomie und Bindung

Ein weiterer Aspekt der emotionalen Reflexion bezieht sich auf das Gleichgewicht zwischen Freiheit und Bindung: In polyamoren Beziehungen gewinnt die Dynamik von Vertrauen und Sicherheit eine ganz neue Dimension. Im Zentrum dieser Dynamik steht die Überzeugung, dass Vertrauen und Sicherheit nicht durch die Einschränkung der Freiheit des Anderen, sondern durch Offenheit, Aufrichtigkeit und die kontinuierliche Bekräftigung gegenseitiger Wertschätzung und Respekt entstehen.

Vertrauen und Kommunikation erfordern monogame Beziehungen natürlich auch, aber alleine durch das Mehr an einbezogenen Menschen, was einem mehr an emotionalen Beziehungen gleichkommt, sind Kommunikation, Autonomie und Vertrauen wesentliche Bestandteile, welche in monogamen Beziehungen durch Exklusivitätsvereinbarungen und in Normen wie Treue, Heirat und weitere Akte, Vorstellungen und Verträge ausgelagert werden. In polyamoren Beziehungen gibt es diese Form der erprobten Externalisierung nicht, oder vielmehr nicht so, wie wir es gewohnt sind. An diese Leerstelle tritt ein mehr an Klarheit, Transparenz und Kommunikation sowie ein ständiger Blick auf Authentizität und Autonomie. Autonomie wird dabei nicht als Bedrohung, sondern als Grundpfeiler der Beziehung begriffen. Es geht darum, jedem Beteiligten den Raum zu lassen, seine Individualität und seine Beziehungen zu anderen frei zu entfalten, ohne dass dies als Mangel an Liebe oder als Gefährdung der Bindung interpretiert wird.

Bindung entsteht nicht aus Besitz oder Exklusivität, sondern aus der Freiheit, sich selbst und anderen gegenüber authentisch zu sein. Autonomie bildet das Fundament, auf dem echte Bindung und emotionale Verbundenheit möglich werden. Diese Einsicht verändert nicht nur die Art, wie ich Liebe und Beziehung erlebe, sondern wirkt sich auch tiefgreifend auf mein Selbstverständnis und Selbstwertgefühl aus. Meine Selbstakzeptanz und der Respekt vor sowohl meiner eigenen Vielschichtigkeit als auch die der anderen Menschen wächst täglich.

Fortlaufende Selbstentdeckung

Ich erlebe eine fortlaufende Lektion in Liebe, Selbstreflexion und Wachstum. Meine Erfahrung in einer polyamoren Beziehung hat mir, weitab von grauer Theorie, ganz praktisch gezeigt, dass Liebe in ihrer Essenz frei und unbegrenzt ist. Es hat mir sehr deutlich gemacht, wie wunderschön und vielfältig Beziehungen sein können, sobald ich mich von den emotionalen Fesseln traditioneller Normen und Vorstellungen darüber, wie Beziehung „geht“, befreien kann. Ich erlebe ein tiefes Eintauchen in die Komplexität menschlicher Emotionen und Beziehungen, das Mut, Offenheit und vor allem ganz viel Liebe erfordert. Er erfordert die ständige Bereitschaft, mich mit den komplexen, verflochtenen und verworrenen Schichten meiner Emotionen, Ängsten und uralten Traumata auseinanderzusetzen.

Obwohl es Zeiten gibt, in denen dieser emotionale deepdive sehr herausfordernd und schmerzhaft ist, hat es mich gelehrt zu sehen, wie viel Schönheit, Glitzer und Tiefe menschlicher Beziehungen gerade in ihrer Vielfalt und Komplexität liegt.

Ich bin zutiefst dankbar für diese fortlaufende Entdeckung meiner selbst und des Lernens darüber, wie ich mich zu anderen in Beziehung setze. Dieses In-Beziehung-setzen geht mittlerweile weit über die Liebesbeziehung hinaus und strahlt auf meine Beziehung zu anderen Menschen aus. Ich habe mich verändert, ich bin gewachsen, und in Teilen bin ich über mich hinausgewachsen. Vor allem bin ich gespannt auf die Zukunft.

Präfiguration und Erwartungserwartungen

Polyamorie hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, indem sie die Vielfalt menschlicher Beziehungen und die Fluidität von Liebe und Bindung aufzeigt. Sie fordert dazu auf, die starren und leider auch oft tödlichen Grenzen zu hinterfragen, die traditionell um Beziehungen gezogen wurden, und ermutigt, einen inklusiveren und umfassenderen Blick auf Liebe und Beziehungen zu entwickeln.

Während wir diesen Weg beschreiten, gestalten wir aktiv eine Zukunft, in der Beziehungen nicht durch gesellschaftliche Normierungen, sondern durch die individuellen Bedürfnisse und Wünsche der Beteiligten definiert werden. Polyamorie ist somit mehr als nur eine Form der Beziehungsführung, sie ist ein tiefes, persönliches und auch politisches Engagement für Authentizität, #Autonomie, gegenseitigem Respekt und die Erkundung der unendlichen Landschaft menschlicher Beziehungen. Sie lehrt uns, dass in der Vielfalt und Komplexität menschlicher Emotionen und Bindungen eine außerordentliche Schönheit liegt, die es zu feiern gilt. Mehr Glitzer!